PDA

7 von 10 PDA-Kindern besuchen die Schule entweder gar nicht oder haben massive Probleme mit dem Schulbesuch („Being Misunderstood in Education“, PDA-Society 2019). Stellt man die Besonderheiten und Bedürfnisse von PDA-Kindern den üblichen Schulstrukturen und schulischen Vorgehensweisen gegenüber, findet man sehr schnell Gründe dafür.

Kontrolle

Die Schule und das Schulpersonal haben i. d. R. größtmögliche Kontrolle über die Schulstrukturen, Abläufe, Inhalte, Pausen- und Essenzeiten, Material etc. und damit über die Kinder.

PDAer hingegen brauchen möglichst viel Kontrolle über sich (und damit auch ihr Umfeld), um sich sicher zu fühlen und ihr Angstgefühl auf ein Minimum zu reduzieren.

Hierarchie

In der Schule gilt i. d. R. ein Gefälle: LehrerInnen, ErzieherInnen, Erwachsene geben vor, was, wann und wie gemacht werden soll. Das Mitspracherecht von Kindern und Jugendlichen hält sich in Grenzen.

PDAer hingegen können mit Hierarchien und Autoritäten, beruhend auf „gewachsenen Strukturen“ ohne inhaltliche Begründung, nicht viel anfangen und haben darum Probleme, sich in diese Strukturen einzufügen.

Lernmotivation

Die Schule gibt i. d. R. vor, was und wann gelernt werden soll. Hierfür gibt es Lehrpläne. Die SchülerInnen müssen dann lernen, wenn „es dran ist“.

PDAer hingegen lernen am besten aus eigenem Interesse und ohne Druck, aus ihrer intrinsischen Motivation heraus.

Lösungswege

Die Schule gibt i. d. R. Lösungswege für Aufgaben vor. Die volle Punktzahl für eine richtige Lösung in Mathe gibt es z. B. nur, wenn der vorher gelernte Lösungsweg angewendet wird.

PDAer hingegen finden und nutzen oft eigene, unkonventionelle, vielleicht sogar kompliziertere Lösungswege, die sie auch zur richtigen Lösung führen.

Umgang mit Verhalten

Die Schule orientiert sich bei gewünschtem, angepasstem Verhalten i. d. R. an Belohnungssystemen (z. B. Lobkärtchen, Sticker etc.) und arbeitet viel mit Lob. Unerwünschtes Verhalten wird ignoriert oder bestraft.

Methoden wie Lob, Belohnungen, Strafen, Ignorieren helfen bei PDAern selten. Sie erhöhen den Druck und die Anforderungen. Auch „unerwünschtes Verhalten“ ist Kommunikation und hat für gewöhnlich Gründe, die sich durch Ignorieren oder Bestrafen nicht bearbeiten lassen.

Anforderungen

Der ganze Schultag ist voll von Anforderungen. Ruhig sein, stillsitzen, nur reden, wenn das Lehrpersonal danach fragt, genau in der Essenpause essen, … Dazu kommt der Unterricht selbst: Fragen beantworten, Aufgaben lösen, zusammenarbeiten, schreiben, bestimmte Materialien nutzen, und die generell vorgegebene Struktur des Stundenplans.

Erinnerung: Bei der PDA geht es um eine durch Angst ausgelöste Vermeidung von Anforderungen.

Praktische Ideen für den Schulalltag mit PDA-SchülerInnen

Alle hier vorgestellten Strategien haben zum Ziel, den Druck und damit die Anforderungen für die PDA-SchülerInnen soweit zu minimieren und anzupassen, dass gute Lernerfahrungen möglich werden.

Präsentation von Aufgaben

Aufgaben gehören zum Unterricht. Jede Aufgabe ist aber immer eine Anforderung, die viele kleine Anforderungen beinhaltet und PDA-Kinder darum vor Herausforderungen stellt. Manchmal kann es schon helfen, die Aufgaben anders zu präsentieren und den Anforderungscharakter dadurch zu reduzieren.

Angebote statt Aufforderungen: Der/die Lehrende könnte dem PDA-Kind z. B. ein Arbeitsblatt kommentarlos hinlegen.

Neues und Spannendes einbauen: Der/die Lehrende könnte die Aufgabe z. B. mit einem durchsichtigen Zauberstift aufgeschrieben haben.

Sprache anpassen: Der/die Lehrende könnte z. B. „Wir finden die Information auf Seite 20“ sagen statt „Schlag Seite 20 auf“.

Die Problemlösefähigkeiten des Kindes nutzen und stärken: Der/die Lehrende könnte z. B. das Arbeitsblatt selbst lösen und Fehler einbauen, die der PDAer korrigiert. Der/die Lehrende kann z. B. eine Aufgabe als Problem präsentieren, das er/sie gerade selbst nicht lösen kann.

wichtig: die Herangehensweisen immer wieder variieren

Auswahl und Kontrolle ermöglichen

PDA beinhaltet ein durch Angst gesteuertes Bedürfnis, die Kontrolle zu haben. In der Schule haben Kinder i. d. R. aber sehr wenig Kontrolle. Hier sind einige Ideen zusammengetragen, die dem PDA-Kind im Schulalltag relativ unkompliziert zumindest etwas Kontrolle ermöglichen können.

Auswahl von Aufgaben überlassen: Der/die Lehrende könnte dem PDA-Kind z. B. zwei Arbeitsblätter zur Wahl stellen, wovon nur eins gelöst werden muss.

Auswahl der Reihenfolge: Dem PDA-Kind könnte z. B. die Wahl überlassen werden, ob es zuerst eine Klebe- oder eine Schreibaufgabe lösen möchte.

Auswahl von Material überlassen: Der/die Lehrende könnte dem PDA-Kind z. B. die freie Wahl lassen, ob es einen Bleistift/Buntstift/Filzstift nutzen möchte.

Alternative Lösungswege akzeptieren

«Nein» zu einer Aufgabe akzeptieren: Wenn das PDA-Kind eine Aufgabe nicht löst, dann kann es dies wahrscheinlich gerade nicht. Im Idealfall gehört zu einer Auswahl auch die Entscheidung dagegen.

Wichtig: Das PDA-Kind spürt genau, ob es wirklich die freie Wahl hat oder dies nur vorgetäuscht wird.

Pausen und Rückzugsräume

Um das „überaktive“ Nervensystem von PDA-Kindern zu beruhigen, ihre Angst zu reduzieren und dem permanenten Stress durch die ständigen schulischen Anforderungen zumindest zeitweise zu entkommen, brauchen PDA-Kinder Pausen und Rückzugsräume. Beides ist auch aufgrund der sensorischen und sozialen Herausforderungen in der Schule nötig.

Vor diesem Hintergrund könnte das Schulpersonal, im Idealfall gemeinsam mit dem Kind (und/oder den Bezugspersonen), einen „sicheren Ort“ wählen, an den sich das Kind jederzeit zurückziehen darf. Von schulischer Seite muss dabei die Aufsichtspflicht gewährleistet werden; im Idealfall übernimmt dies eine Person, die das Kind seinerseits akzeptiert und die andererseits keine Fragen stellt (z. B. IntegrationshelferIn, SekretärIn, Schulbibliothekspersonal). Diese Person sollte das Kind und seine Bedürfnisse kennen, denn wenn das Kind mit einem Gefühl der Überforderung in einen „Ruheraum“ geht, dort aber erneut mit Anforderungen (in Form von Fragen oder einem laut essenden, Radio hörenden Menschen) konfrontiert wird, kann das auch genau das Gegenteil vom gewünschten Effekt bewirken. Idealerweise ist der Raum bzw. eine Ecke des Raums so ausgestattet, dass selbst gewählte, beruhigende Aktivitäten ermöglicht werden (z. B. Kopfhörer, Kuscheltiere, Fidget Toys, Kissen, Malsachen, Eiswürfel etc.).

Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass das Kind sich auch traut, den Ort im Bedarfsfall aufzusuchen. Viele PDA-Kinder wollen so wenig wie möglich auffallen. Wenn sie den Klassenraum aber „einfach so“ verlassen, fällt das auf. Man könnte dem Kind beispielsweise vorschlagen, Kreide aus dem Lehrerzimmer zu holen, damit es einen (unauffälligen) Grund hat, den Raum zu verlassen. Vorher müsste dieser Vorwand natürlich mit dem Kind besprochen werden.

Nicht immer ist ein eigener Raum erforderlich. Manchmal reicht auch eine kleinere Pause. Diese sollte dem PDA-Kind kommentarlos jederzeit gewährt werden. Umgesetzt werden kann dies z. B., indem das Kind griffbereit in einer kleinen Kiste oder dem Korb unter seinem Tisch etwas zum Malen/Lesen/… (je nach individuellem Bedürfnis) hat, ohne dass es aufstehen muss und damit den anderen Kindern auffällt. Auch längeres Aus-dem-Fenster-Schauen u. ä. sollte erlaubt sein.

Wichtig: Das Kind muss sich so sicher und verstanden fühlen, dass es sich traut, die Pause auch „zu nehmen“. Außerdem sollten Pausen für PDA-Kinder als selbstverständlicher Teil des Unterrichts eingeplant werden, z. B. indem das Kind, sobald es ein Arbeitsblatt gelöst hat, nicht gleich das nächste bekommt, „weil es so schnell war“. Dies ist besonders wichtig, wenn Masking ein Thema ist und/oder das Kind selbst nicht sagen kann, wenn es überfordert ist.

Sportunterricht

Der Sportunterricht ist für viele autistische Kinder schwierig, schon weil es in der Sporthalle häufig laut und unruhig zugeht. Dazu kommen noch das Erfordernis des Umziehens und der Leistungsdruck.

Hier kann es helfen, genau hinzuschauen und mit dem Kind gemeinsam zu ermitteln, was genau das Herausfordernde ist. Manchmal kann es schon helfen, das Kind einfach in Sport-Kleidung in die Schule gehen zu lassen – damit die große Anforderung „Umziehen“ wegfällt.

Hausaufgaben

Auch Hausaufgaben sind für viele autistische Kinder eine Herausforderung, schon weil die Kinder klar zwischen Schule und Zuhause trennen. Am einfachsten ist es, dem Kind die Hausaufgaben komplett zu erlassen. Wenn das nicht möglich ist, sollte über andere Lösungen nachgedacht werden, wie bspw. die Erledigung der Hausaufgaben in der Schule nach dem Unterricht.

Gruppenarbeit

Gruppenarbeit ist sinnvoll, um die Teamfähigkeit der Kinder zu stärken. Für PDA-Kinder kann es aber zu viel sein, gleichzeitig sozial agieren und sich Wissen aneignen zu müssen. Hier kann es sinnvoll sein, beides voneinander zu entkoppeln.

Im Buch “The Teacher’s introduction to Patholocical Demand Avoidance“ von Clare Truman gibt es hierzu eine tolle Idee: Das Kind wird vor der geplanten Gruppenarbeitsstunde dazu motiviert, sich gemeinsam mit der Lehrerin mit dem neuen Thema zu beschäftigen. Sein gesammeltes Wissen kann es den anderen Kindern dann während der Gruppenarbeitszeit weitergeben.

Weitere Herausforderungen

Jedes Kind hat seine individuellen Herausforderungen. In der Schule können diese auch noch viele andere Bereiche betreffen: Reden oder Singen vor der Klasse, Panik vor Leistungskontrollen, Essens-Situationen, Ausflüge etc. Hier ist es wichtig, individuell zu schauen, wie man den Stress und die Angst des Kindes reduzieren kann.

Liste weiterer hilfreicher PDA-Strategien in der Schule

Hilfreiche Grundhaltung der LehrerInnen:

  • vertrauensvolle Beziehung zu SchülerInnen und zu Eltern
  • Ehrlichkeit, Authentizität
  • die Anerkennung der Schwierigkeiten, die das autistische Kind äußert; auch wenn es das nur zu Hause kann
  • die Identifizierung und Anerkennung von Anforderungen
  • die Anerkennung des Energieaufwands, den autistische Kinder jeden Tag in der Schule leisten
  • die Anerkennung von Masking als Überlebensstrategie im Alltag
  • Bedürfnis nach Kontrolle und Autonomie anerkennen
  • sensibles Achten auf mögliche Trigger, Anzeichen von Überlastung und Angst
  • der sensible Umgang mit Gesagtem (Wortwahl und Ton)

Allgemeine Strategien:

  • Priorisieren: Ist wirklich alles wichtig, was gefordert wird? Anforderungen reduzieren
  • achtsam und sparsam mit Lob umgehen
  • dem PDA-Kind eine Rolle zuteilen (z. B. Gesundheitsmanager)
  • Ablenkung nutzen
  • Kreativität: Geheimnisse nutzen (z. B. Zauberstift); Neues/Unerwartetes einbringen; Herangehensweisen immer wieder variieren

Präsentation von Aufgaben:

  • Humor einsetzen
  • Wissensdurst und Interessen nutzen, ohne Druck auszuüben
  • als etwas Geheimnisvolles präsentieren (z. B. mit Zauberstift)
  • Invitations to Learn/Einladung zum Lernen: Material ohne weiteren mündlichen Kommentar hinlegen -> aber auch: „nein“ akzeptieren

im Klassenraum mit anderen Lernenden:

  • eigene Pläne schreiben lassen (aus Liste etwas aussuchen); Auswahl ermöglichen
  • Post-Ist auf Arbeitsblätter kleben, die der Schüler mit seinen „Verbesserungen“ beschriften kann; unter das AB eine Leerzeile mit dem Zusatz „Vielleicht hast du eine bessere Idee“; Fehler von anderen (z. B. des Lehrers) korrigieren
  • Instruktionen spannend machen, z. B. in kleine Umschläge stecken; Zauberstift
  • Invitations to Learn in Kiste unter Platz des Lernenden

Sprache und Herangehensweise anpassen:

  • z. B. „Kannst Du mir den Gefallen tun…“
  • declarative language: statt „Öffne S. 24 im Buch“ -> „Wir brauchen die Informationen, die auf der Seite 24 stehen“
  • positive Sprache verwenden, z. B. statt „nein“ -> „du kannst in einer Stunde auf den Hof gehen“
  • „nein“ und „Stopp“ vermeiden
  • Anforderungen als Vorschläge, Einladungen formulieren
  • mit dem Kind wie mit einem Erwachsenen reden